28. August 2010
So, nach längerer Abwesenheit – bedingt durch Beruf und Urlaub - melde ich mich auf meinem Fernweh Blog zurück und freue mich schon etwas auf die Fortsetzung dieser Webseite (was aber noch etwas dauern wird). Leider habe ich bis dato wenig Feedback erhalten was meine Erzählung „Äxte fallen vom Himmel“ betrifft – aber ich denke, dass wird mit der Zeit schon noch kommen. In diesem Zusammenhang: einen schönen Gruß an den sportlichen Horst – er bastelt ja auch nicht gerade schnell an seiner Aktiv Webseite, aber wir beide werden unsere Projekte noch meistern. Noch mal ein Dank an die bisherigen Mails und Kommentare, ich werde so schnell als möglich mit dem Schreibern neuer Artikel für meinen Fernweh Blogs beginnen.
So, das war`s mal für heute – treu nach dem Motto ein kleinen Anfang ist besser als keiner ….
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1. Juli 2009
Die Dünas sehen in dem Besuch der Forschungsabteilung ein höchst bedeutsames Ereignis. Sie haben sogar freiwillig eine allgemeine Waffenruhe geschlossen, damit jeder die Fremdlinge sehen kann. So treffen hier Männer zusammen, die wegen uralter Stammesfehden Todfeinde sind. Dennoch bricht keiner den Frieden. Gleichwohl ist jeder schwer bewaffnet.
Nachdem der Bann einmal gebrochen ist, überbieten sich die Dünas in Freundschaftsbeweisen. Der Duna Häuptling fragt mich, ob ich erlaube, dass er mit seinen Leuten in unserem Lager bleibe; sie wollten uns am andern Tag zu einer großen Ansiedlung weiter unten im breiten Flusstal führen. Am Rande unseres Camps schlagen die Dünas schnell zwei Hütten aus Zweigen auf. Wie richtige Kinder sind sie neugierig, gutmütig, verspielt und stets zu Spaßen aufgelegt. Ihre braunen Landsleute in den marineblauen Polizei-Uniformen und deren Gewehre beschäftigen sie vor allem. Sie scheinen einzusehen, dass die Polizisten etwas Besonderes sind. Am meisten verwundern sie sich jedoch über meine weiße Haut und hellen Augen. Ich werde betastet und beklopft, auch staunen sie über meine Körpergröße.
Am folgenden Tag ziehen wir, voraus die Duna Leute, hinunter in ein lang gestrecktes, geräumiges Tal. Überall auf unserem Weg sehen wir Lichtungen im Wald mit umzäunten Gärten und nicht eingefriedeten Pflanzungen mit Batatenkartoffeln, Taro, Zuckerrohr und Gemüse. Zwischen den Hütten laufen Schweine in jeder Größe herum. In der Tat scheint das Schwein als einziges Haustier über ganz Neu-Guinea verbreitet zu sein. Sein Fleisch,
Fett und Blut spielen auch hier bei den Stammesfesten eine große Rolle.
Entlang dem Weg bieten uns die Dünas jede Hilfe, die sie nur geben können. Sie schleppen große Mengen von ihren Lebensmitteln herbei und fette Schweine, eine willkommene Bereicherung unserer Rationen. Außer mit Salz und Baumwollstoffen zahlen wir mit Stahläxten und Messern, überraschend schnell begreifen die Dünas, daß solche Äxte und Messer die schwere Mühe, Holz zu fällen und Land urbar zu machen, sehr erleichtern. Für sie bedeutet der Besitz von Stahlwerkzeugen einen ebenso großen Fortschritt wie die Erfindung des Schießpulvers und der Dampfmaschine für das Abendland. Begehrter noch als Stahl, Salz und Baumwolle zusammen sind aber Kauri-Muscheln, kleine, unscheinbare Seemuscheln mit perlmutterartigem Glanz. Die Dünas tragen sie, zu Schnüren aufgereiht, als Schmuck. Und sie verwenden sie unter sich als regelrechtes Zahlungsmittel: ein Schwein kostet in dieser Währung drei Kauri-Muscheln, eine Frau sechs, Feldfrüchte und Werkzeuge entsprechend weniger. Für nur eine der begehrten Muscheln schleppen die Dünas tagelang die Lasten unserer Träger. Andere bieten sich als Führer bis zur Grenze der Nachbarstämme an.
Jede Sippschaft hat übrigens einen eigenen .Kampf-Häuptling’; es ist jeweils der klügste und tüchtigste Krieger. Ein Duna Mann bereitet sich nämlich von früher Kindheit an für seine Aufgabe als Krieger vor. Wir haben kaum einen gesehen, der nicht mindestens eine Narbe von einer Pfeilwunde gehabt hätte. Mitunter treten die Dünas in einer Kampfesweise gegeneinander an, die einen sportlichen Zug trägt: sie erinnert in manchem an ein Rugbyspiel. Die einander befehdenden Gruppen verabreden, sich auf einem vorbereiteten Kampfplatz zu treffen. Dort erscheinen sie mit großem kriegerischem Gepränge. Dann gehen Herausforderungen hin und her, bis schließlich der erste Pfeil abgeschossen wird. Am Rande des Platzes verfolgen die Zuschauer aufmerksam den Kampf, kritisieren und sparen nicht mit guten Ratschlägen. Obwohl diese Schaukämpfe mit viel Geschrei und drohenden Gebärden verbunden sind, gibt es doch nur wenig Verletzte. Nach einigen .Treffern’ wird die .Schlacht’ auf Verabredung abgebrochen. Bei den ständig wechselnden Bündnissen zwischen den einzelnen Sippen löst jedoch häufig ein geringfügiger Streit einen ernsten, um sich greifenden Kampf aus. Dann werden weder Frauen noch Kinder, weder Kranke noch Greise noch die Behausungen geschont, und die Männer stehen sogar Wache, wenn ihre Frauen die Gemüsegärten bestellen.
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28. Juni 2009
Am nächsten Morgen steigen wir über weißgraue Felswände hinunter in die weiten Täler und Savannen jenseits des hohen Gebirgskammes. Mit fröhlichem Geschnatter rutschen unsere Papuas die steilen Hänge hinab, straucheln, gleiten aus, fahren auf dem verlängerten Rücken Schlitten. Unter Gelächter helfen sie einander wieder auf die Beine. Die Wärme nimmt ständig zu. Eine steile Bachschlucht führt uns immer tiefer hinab. Am Nachmittag sehen wir dann plötzlich die ersten menschlichen Spuren, eine frisch angelegte Rodung im Bergwald. Die Baumstümpfe sehen aus wie abgenagt, was von den ungezählten, mit kleinen Steinbeilen geführten Hieben herrührt. Die eben geschlagenen Bäume sind teilweise eintastet und an den Rändern des kleinen Vierecks zu Wällen aufgeschichtet. Dicht dabei stehen ein paar aus Ästen und Zweigen kunstlos zusammengefügte Rundhütten. Wir beschließen, hier unser Lager aufzuschlagen.
Noch brennen die Feuer nicht lange, als einige braunhäutige Gestalten zögernd aus dem schützenden Dämmerlicht des Waldes treten. Ich weise meine Leute an, ruhig zu bleiben und so zu tun, als sei durchaus nichts Besonderes vorgefallen. Dann breche ich einen grünen Zweig ab und gehe ohne Hast den Dünas entgegen. Zuerst sind sie noch misstrauisch, doch dann kommen sie vorsichtig näher. Sie sehen ganz ähnlich aus wie die Männer des Tari-Volkes. Alle tragen riesige Schmuckperücken, die sie üppig mit Blumen, Blättern, Opossum-Pelzen und Federn von Paradiesvögeln verziert haben. Die langen, schwarzen Barte geben den breit gewachsenen, kräftigen Gestalten ein geradezu biblisches Aussehen. Einige haben die Nasenscheidewand mit dünnen Knochenstäbchen und Federkielen durchbohrt. Um die Oberarme spannen sich Schmuckbänder. Halsketten aus farbigen Waldbohnen und kurze Schürzen aus Bast vervollständigen die „Bekleidung”. Jeder Mann trägt einen Bambusbogen mit Pfeilen, und im Leibgurt steckt eine Streitaxt aus Stein neben dem Knochenmesser oder -dolch. Offensichtlich scheinen Äxte, Messer und Dolche aber mehr Werkzeuge denn Waffen. Auf einmal legt der älteste der Männer Pfeil und Bogen auf den Boden und redet mit einem Wortschwall auf mich ein. Ich rufe die drei Taris herbei, die wir als Dolmetscher mitgenommen haben. Trotzdem geht es nicht ohne Missverständnisse ab. Schließlich bekommen wir zu unserem Erstaunen heraus, dass die Dünas von unserer Ankunft genau unterrichtet sind. Für primitive Völker bedeutet eine Überraschung immer eine mögliche Gefahr. Sie handeln daher schnell. Von Stamm zu Stamm sind die Nachrichten über den Marschweg der Expedition mündlich weitergegeben worden. In den verschiedenen Tälern wechselt zwar die Sprache, wie überall gibt es aber auch dort in den Grenzbezirken einzelne Bewohner, die sich miteinander verständigen können. So ist die Kunde von unserem Erscheinen uns trotzdem weit vorausgeeilt.
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26. Juni 2009
Tagelang marschieren wir an namenlosen Flussläufen entlang. Es ist eine elende Kletterei über zahlreiche tief eingeschnittene Waldschluchten, ohne Weg und Steg, stets eingeschlossen von dichtem Tropenwald. Die Luft ist stickig und heiß. Nacht für Nacht verwandeln niederstürzende Regen den Boden immer aufs neue in Morast, in dem unsere Träger mit ihren Lasten ausgleiten. Wie hochbeladene Kähne schwanken sie daher. Von Schlucht zu Schlucht arbeiten wir uns hangaufwärts, schlagen Pfade und hauen Treppenstufen in ungangbar scheinende Steilhänge. Wir überwinden Bergbäche mit Behelfsbrücken, die wir aus rasch gefällten Bäumen gebaut haben. Dann nimmt uns wieder der mit dichtem Unterholz bestandene Bergwald auf. Hier finden wir prächtige Baumfarne und schlanke Rotang-Palmen, über und über mit Schmarotzerpflanzen bedeckt, streitsüchtige Kasuare und prächtige Paradiesvögel, gurrende Wildtauben und Wallabies — eine kleine Känguruhart. Dann gibt eine weite Talsohle, die mit saftigem Alanggras bedeckt ist, den Blick frei. Wenn sich hin und wieder der Wolkenvorhang hebt, sehen wir gewaltige Berge vor uns aufragen und im Westen eine mächtige dunkelgrüne Mauer. Dahinter wohnen die Dünas, das wissen wir.
Seit uns die letzten Taris an ihrer Stammesgrenze verlassen haben, sind wir nicht mehr auf Eingeborene gestoßen. Auch die für Neu-Guinea so typischen eingefriedeten Gemüsegärten fehlen. In etwa 2000 Meter Höhe gelangen wir in die Region des ewig triefenden Mooswaldes; wohin man tritt, man tappt durch voll gesogene Moosschwämme in Pfützen und Wasserlöcher hinein. Dabei reicht die Sicht oft keine hundert Meter weit: dichte Nebel hüllen uns ein. Obwohl die Kolonne eng zusammenrückt, droht die Trägerschlange abzureißen. Haben uns in tieferen Regionen Blutegel und Zecken geplagt, hier oben frieren wir erbärmlich in den mit Wasser voll gesogenen Kleidungsstücken. Es ist fast unmöglich, einen Lagerplatz zu finden, auf dem sich die Nacht halbwegs trocken verbringen lässt.
Erst als wir noch höher geklettert sind, entschädigt uns die farbenprächtige Rhododendron-Zone für die strapaziösen Tage im Mooswald. Die Bäume werden jetzt immer niedriger. In 2700 Meter Höhe erreichen wir dann die baumlosen Farn- und Grasflächen. Hier blühen zwischen Dornbüschen und Felsblöcken Alpenrosen, Alpenveilchen und blauer Enzian, und an niedrigen Sträuchern leuchten rote, Himbeeren ähnliche Früchte. Der scharfe Jochwind bläst uns ins Genick. Die Nacht ist frisch. Das Thermometer zeigt nur wenig über fünf Grad Wärme, und unsere Jungen kriechen dicht an die Lagerfeuer heran.
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23. Juni 2009
Die Geschichte klingt unglaubhaft: auf unserem Erdenrund soll es Menschen geben, die heute noch in der Steinzeit leben! Glückliche, denen keine Stunde schlägt, für die ein Tag wie der andere ist, ein Jahr, ein Jahrhundert und ein Jahrtausend. Und doch ist die Geschichte wahr. Trotz Dampfschiff, Auto und Flugzeug, trotz Feuerwaffen und Uranium 235 leben in unseren Tagen noch Erdbewohner wie jene wilden Jäger der Steinzeit, deren spärliche Spuren wir in den Höhlen Spaniens, Südfrankreichs und der Schwäbischen Alb begegnen. Sie hausen auf der Insel Neu-Guinea. Nächst Grönland ist sie mit 785 000 Quadratkilometern die größte Insel der Erde, und die Nordspitze Australiens weist wie ein ausgestreckter Zeigefinger genau auf ihre Mitte hin. Vom Hagen- und Bismarck-Gebirge mit seinen bis zu 4000 Meter hohen Gipfeln sucht sich eine Handvoll Flüsse ihren Weg nach Norden und Süden. Kikori-River und Strickland-River eilen südwärts, dem Papua-Golf zu. Im Quellgebiet dieser Flüsse, in tiefeingeschnittenen Tälern, wohnen die Dünas. Es sind dunkelhäutige, schwarzhaarige Melanesier, etwa 25 000 an der Zahl und den Austral Färbigen in manchen Zügen verwandt.
Bis zum Jahr 1930 kannte die Dünas niemand. Australische Forscher, die das Land vermessen und den Umfang der bewohnten Gebiete feststellen sollten, streiften damals den Saum ihres Stammgebietes. Sie berichteten der australischen Verwaltung in Port Moresby von ihrer Entdeckung. Aber die war vollauf damit beschäftigt, zunächst die zugänglicheren Hochlandregionen zu erschließen, dort Missionsstationen und Polizeiposten einzurichten und Flugplätze zu bauen. So war diese erste Berührung mit weißen Männern in den Sagenkreis der Dünas eingegangen, und nur einige Häuptlinge waren fest davon überzeugt, dass die seltsamen Besucher eines Tages wiederkämen.
Im Sommer 1954 war es dann soweit. Die Dunatäler wurden zunächst vom Flugzeug aus erkundet. Voller Schrecken sahen die Steinzeitmenschen die donnernden Riesenvögel über ihren Köpfen. Sie glaubten nichts anderes, als daß die Geister ihrer Ahnen auferstanden seien, und in ihren einfachen Gemütern verbreitete sich eine Art von Weltuntergangsstimmung. Im gleichen Jahr brach dann eine Gruppe von Geologen und Ethnologen zu einer Erkundungsfahrt auf. Ihr Führer war der Bezirksassistent Desmond O. Clancy,
30 Jahre alt, 1,88 Meter groß, energisch, vertrauenswürdig und stets guter Laune. Uber seine Expedition schreibt er:
„Dies ist der Bericht von dem modernen Argonautenzug in das Land der Dünas, den ich im Auftrag der Regierung übernommen habe. Außer mir gehörten der Expedition zwei Europäer von der geologischen Forscherguppe, dreizehn Angehörige der Königlichen Polizei für Papua und Neu-Guinea sowie einhundertfünfzig eingeborene Träger an. Wir zogen also mit einem starken Aufgebot über die hohen Pässe am Rande des Tari-Gebirges nach Westen. Und dennoch: dieses starke Aufgebot war ein Nichts im Vergleich zu dem großen Unbekannten, dem wir entgegengingen….
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8. August 2006
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